Vom 14. - 31. Juli machten wir uns mit insgesamt fünf Motorrädern und sechs Personen auf, die Masuren und die baltischen Staaten zu besuchen. Hier ist nun das Reisetagebuch dieser Tour:

14.7.06 Backnang – Burg/Spreewald 645 km

Juchhuu, endlich Urlaub! Heute geht es nur darum, zum gemeinsamen Abfahrtort bei unserem Mitreisenden Guido im Spreewald zu kommen, was für uns schon ein ganz schönes Stück ist.  In Bayreuth verlassen wir die Autobahn und fahren über den Fichtelberg und durch Tschechien ins Vogtland. Eigentlich wollen wir über das Erzgebirge weiter zu unserem ersten Etappenziel Döbeln, aber nach einem Blick in den grauen Himmel und einem weiteren Blick auf die Uhr beschließen wir, von hier aus das Navi auf „schnellsten Weg“ umzuprogrammieren. Ob diese Entscheidung wirklich so gut war? Wir verlieren viel Zeit durch Baustellen und Umleitungen in Zwickau und kommen gegen 17.15 Uhr in Döbeln bei Andi und Manu an. Nach einem Kaffee geht es von dort aus über Land dann die restlichen geschätzten 150 Km weiter in den Spreewald, wo wir nach großem Hallo einen gemütlichen Abend bei Pizza, Bier und – ja was wohl?? – Lauterbacher Tropfen verbringen.

15.7.06 Burg/Spreew. – Stare Pole ca. 500 km

Im Spreewald übernimmt erst mal Guido die Führung und wir fahren über die dortigen Alleen bis zur polnischen Grenze. In Polen geht es immer Ostwärts auf der A 22. Diese ist eine Überlandstraße, die auch vom Fernverkehr viel befahren wird und zieht sich fast schnurgerade durch das Land. Landschaftlich gibt es nicht sehr viel zu sehen, wir haben aber mit zum Teil starken Seitenwind ganz schön zu kämpfen und müssen uns erst einmal an den in Polen üblichen Fahrstil (Kamikaze! – oder wo zwei Autos aneinander vorbeikommen, passt auch noch ein drittes) gewöhnen.

In Stare Pole angekommen müssen wir erst einmal unser Hotel suchen, denn das ist auf den ersten Blick nicht wirklich als solches zu erkennen. Es sieht von außen und innen aus wie eine ehemalige Kaserne, die Zimmer sind aber schon sehr schön hergerichtet und sauber. Und auch auf den langen grauen Fluren versucht man durch bunte Vorhänge etwas Fröhlichkeit und Gemütlichkeit zu bringen.

 Abends nehmen wir dann ein „gemütliches“ Abendessen am einzigen Schnellimbiss im Ort ein – ein Restaurant sucht man her vergeblich. Aber so hungrig wie wir nach diesem langen Tag sind, ist auch das egal und wir beenden den Abend in der Kneipe nebenan mit  Wodka und dem fast aussichtslosen Versuch einer Unterhaltung mit den einheimischen Gästen. Mit Händen und Füßen gelingt die Verständigung dann doch einigermaßen und der Abend geht schnell vorüber.

16.7.06 Stare Pole – Kruklanki ca. 230 km

Nach einem typisch spätsozialistischen Frühstück (vorbereitete Teller, Brotkorb und Kaffeekanne auf dem Tisch) lassen wir den schwächelnden KTM-Fahrer erst mal im Hotel und fahren die 10 Kilometer zurück, um uns Malbork (Marienburg) anzusehen, wo die bedeutendste Burg der Deutschordensritter steht, die fast komplett restauriert wurde. Wir schauen uns die beeindruckende Burganlage von außen an, eine Führung – die einzige Möglichkeit, sich die Burg von innen anzuschauen – dauert ca. 3 Stunden. Das ist uns zu lange, wir wollen heute ja noch in die Masuren!

Also ab ins Hotel und unseren kränkelnden Mitreisenden abgeholt – und los geht’s. Die Landschaft verändert sich fast unmerklich, es wird hügeliger und offener. Weite große Felder und Wiesen werden von Alleen und kleinen Wäldchen durchzogen. Unsere Fahrt führt uns über kleine und holprige Nebenstraßen durch unzählige Alleen. Immer wieder fahren wir durch kleine Dörfer, die Häuser sehen oft recht verwahrlost aus. Überall, wo mehr als drei Häuser stehen gibt es auch eine Kirche und einen Friedhof, der über und über voll mit buntem Blumenschmuck ist. In jedem Dorf findet sich auch ein Storchennest und Störche sieht man überall.

Unterwegs haben wir dann mal Hunger, vor allem Marcus, der das Frühstück ausfallen lassen musste, und wir schauen uns auf unserer Fahrt durch die Masuren nach einer kleinen Bar o.ä. um – auf den kleinen Straßen, auf denen wir unterwegs sind, gar kein leichtes Unterfangen! Zwar gibt es zahlreiche „Skleps“ (Tante-Emma-Läden), aber Restauracijas oder Bars sind keine zu sehen. Im nächsten größeren Ort dann – eine Bar. Wir halten an und Reiseleiter Andi erfährt, dass es hier nichts zu essen gibt. Aber ein Gast bietet sich an, uns zum nächsten Restaurant, das etwas außerhalb auf einem Gestüt liegt, zu bringen. Gesagt, getan, wir hinterher und tatsächlich führt uns unser Weg direkt auf ein wunderschönes altes Gut – das sieht klasse aus! Aber für uns „Rocker“ ist da heute leider nichts zu holen, geschlossene Gesellschaft. So langsam werden wir etwas nervös und immer hungriger. Aber was sollen wir machen? Wir fahren weiter und sehen nach ca. einer halben Stunde Fahrt eine gemütliche Gartenwirtschaft am Straßenrand – genau das Richtige! Es ist wieder Andi, der drinnen vorsichtig nach etwas zu essen fragt – und ja, wenn wir noch eine halbe Stunde im Biergarten warten wollen, gibt es hier dann auch etwas zu essen! Während wir noch draußen unsere Motorräder richtig abstellen und unsere Motorradjacken ausziehen klirrt es im Biergarten auf einmal – da hat wohl jemand einen Teller fallen lassen, ist der erste Gedanke. Dann aber Gebrüll und noch mehr Gepolter, Tische werden umgeworfen und die Gäste verlassen fluchtartig den Biergarten.

Das Gebrüll wird lauter – „Go, go, go out!“ – und wir haben verstanden, dass wir hier nicht willkommen sind und es wohl das beste ist, schnellstmöglich von hier zu verschwinden. Es ist der Wirt persönlich, der betrunken nach einem Streit mit einem seiner Zechkumpane seine Einrichtung zerlegt. Während wir noch draußen dabei sind, unsere Motorräder startklar zu machen um zu flüchten, kommt der Wirt – ein Schrank von einem Mann – nach außen und direkt auf mich zu: “go, go!“. Ja, klar, aber wohin denn?? Ich rechne schon damit, jetzt gleich angegriffen zu werden, aber was soll ich machen, ich bin noch eingeparkt von den anderen! Es gelingt mir, ihn so weit zu besänftigen, dass er wieder abdreht und dann so bald als möglich zu verschwinden….

Jetzt zittern uns allen erst einmal die Knie, der Hunger ist vorübergehend vergessen und wir fahren weiter auf kleinen Straßen über Land. Auf einmal, wie aus heiterem Himmel, sehen wir jede Menge Souvenirstände am Straßenrand, Touris und Autos kreuz und quer, ein Parkplatzeinweiser steht auf der Straße – Kulturschock! Was ist denn das hier? Wir sind in Swieta Lipka (Heiligelinde -  http://de.wikipedia.org/wiki/Swieta_Lipka) angekommen, wo es eine bekannte barocke Wallfahrtskirche gibt.

Hier finden wir dann aber endlich ein Restaurant, wo man uns freundlich und gerne leckere polnische Spezialitäten wie Schleisuppe und Flati serviert. Frisch gestärkt fahren wir nun die letzten Kilometer durch die herrliche masurische Landschaft bis nach Kruklanki zu unserem Hotel, das direkt an einem der zahlreichen Seen liegt. Abends genießen wir dort erst einmal das Essen und dann den Subrowka (Graswodka) und lassen beim Kickerspielen diesen aufregenden und dennoch schönen Tag ausklingen.

17.7.06 Kruklanki – Kruklanki ca. 200 km

Nach einem ausgiebigen Frühstück vom reichhaltigen Buffet fahren wir über Jakunowko, Wegorzewo, Trygort, Przystan und Mragowo durch die Masuren und genießen einfach nur die traumhafte Landschaft mit ihren Seen, Alleen, Wiesen und Feldern, in die immer wieder kleine Ortschaften und Gehöfte eingestreut sind.  Das perfekte Wetter mit Sonnenschein und angenehmen Temeperaturen tut sein übriges, dass wir uns richtig wohl fühlen.

Wir besuchen die alten Bunkeranlagen des Oberkommandos des Heeres bei Mamerki (Mauerwald) und eines der  “Führer-hauptquartiere", die Wolfsschanze   (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfsschanze), um etwas mehr über die bewegte Vergangenheit dieser Gegend zu erfahren.

Dann geht es weiter zum „Berg der Winde“, wo sich das größte (weil einzige) Skigebiet der Masuren befindet. Im Endeffekt ist das ein Hügel mit einem Lift, aber von ganz oben hat man einen schönen Rundumblick über die Umgebung.

Nächste Tagesetappe war Mikolajki, eine Stadt am Spirdingsee, dem größten See Ostpreußens. Obwohl man hier schon ziemlich auf Tourismus eingestellt ist, hat dieses Städtchen, das oft auch als masurisches Venedig bezeichnet wird, einen eigenen Charme bewahrt und wir genießen es, hier ein wenig zu bummeln und in einem Restaurant direkt am Wasser auf der Terrasse zu sitzen.

Auf dem Heimweg lernen wir dann, dass „Objazd“ Umleitung heißt und fahren durch die herrliche Landschaft zurück zum Hotel. Dort gibt es auf dem Balkon, zünftig auf den Koffern ein Abendbrot bei Abendrot. Im Anschluss lassen wir Frauen dann die am Vorabend unterlegenen Männer noch beim Kickern gewinnen, damit deren Ego nicht zu sehr unter dieser Schmach leiden muss und somit war der Abend gerettet!

18.7.06 Kruklanki – Kruklanki ca. 120 km

Für diesen Tag haben wir uns nichts Bestimmtes vorgenommen, außer, die Landschaft auf kleinen Straßen zu „erfahren“ und noch einige schöne Bilder zu machen. Und wie immer war hier auf unseren Reiseleiter Verlass!! Auf (legalen) Schotterwegen ging es durch den Wald, über Feldwege und Pflasterstraßen. Gleich zu Beginn kamen wir dann auch gleich mächtig ins Schwitzen, als bei Zabinki ein Feldweg erst immer furchiger und steiler wurde, schließlich mit Wasserlöchern gespickt war und wir eingestehen mussten – hier geht es nicht weiter.

Das aber erst, nachdem Marcus meine Tiger das letzte schwere Stück den Berg hinunter gefahren hatte, weil ich mir das wegen der tiefen Furchen, meines kaputten Knies und der kurzen Beine nicht zutraute. Also unten erst mal alle Motorräder wenden und das ganze wieder zurück. Oben auf einfacher zu fahrenden Wegen angekommen war dann nach nur wenigen Tageskilometern und trotz der vielen Mücken im Wald erst einmal eine Pause für die durchgeschwitzen Offroadpiloten fällig!

Unsere Tour  führt uns über Czerwony Dwor, Jablonowo, Sokolki, Cichy und Dunajek über viele kleine Straßen, vor allem auch Schotterwege und wir haben viel Spaß  an diesem Tag. Vor allem fühlen wir uns jetzt gut gerüstet für die Schotterstraßen im Baltikum, nachdem sich diese Straßen hier problemlos fahren lassen. Dass Schotter nicht gleich Schotter ist, sollten wir dann allerdings später noch erfahren.

19.7.06 Kruklanki – Vilnius ca. 300 km

Wir verlassen die masurischen Seen in Richtung Litauen. Die Landschaft verändert sich unmerklich, es gibt fast keine Alleen mehr, sondern mehr Baumgruppen aus Birken und Nadelbäumen. Während sich die Landschaft langsam verändert, gibt es einen großen Umbruch direkt nach der Grenze zu Litauen. Es gibt hier viele der ganz typischen, bunt gestrichenen Holzhäuser, und die Armut, die wir eigentlich schon für Polen erwartet hatten, ist hier jetzt offensichtlich vorhanden. Trotzdem wirkt alles aufgeräumt und sauber und auch Störche gibt es immer noch zahlreich. Ziemlich plötzlich sind wir im Außenbezirk von Vilnius (http://www.vilnius.lt/new/en/gidas.php), der Hauptstadt Litauens. Hier steht ein Wohnblock in Plattenbauweise neben dem anderen. Irgendwo müssen die über 500.000 Einwohner der Stadt ja auch wohnen. Der Großstadtverkehr – noch dazu zur Feierabendzeit- trifft uns mit seiner vollen Wucht. Wir schlagen uns in Richtung Zentrum durch, verlieren uns, finden uns wieder (dem Handy sei Dank!), stehen irgendwann zwar schon etwas zentraler, aber auf der falschen Seite des Flusses und müssen uns eingestehen, dass wir nicht wirklich wissen, wo wir eigentlich sind. Da half dann wirklich nur ein Hilferuf per Handy zum Hotel und wir wurden von einem Fahrradfahrer abgeholt. Die letzten Meter zum Hotel fahren wir also auf zum Teil für Motorräder gesperrten Straßen entlang der Altstadt von Vilnius zum Hotel. Dieses liegt am Rande der Altstadt in ruhiger Lage und entpuppt sich als liebevoll renoviertes altes Gebäude mit geschmackvoll eingerichteten Zimmern und einem Innenhof, wo wir die Motorräder sicher abstellen können.

Abends schlendern wir dann erst einmal durch die überwältigend schöne Altstadt von Vilnius und essen in einem Bierlokal, das von außen unscheinbar wirkt, aber einen gemütlichen Bierkeller, und wie wir am Tag später feststellen, auch einen urgemütlichen Biergarten hat. Das Essen ist sehr gut, aber landestypisch üppig und fett. Das schrie dann ja regelrecht nach einer Verdauungshilfe, was hier automatisch Wodka bedeutet!

20.7.06 Vilnius und Trakai ca. 70 km

Heute wollen wir nur wenig fahren sondern uns lieber Vilnius und das vor den Toren gelegene Wasserschloss Trakai anschauen. Wir wagen uns also mit einer Ausnahme wieder ins Großstadtgewühl in Richtung Trakai, wo wir die schön renovierte Wasserburg im Gawiesee besichtigen. Die Burg war im 19. Jahrhundert eine Ruine und wurde im 20. Jahrhundert wieder komplett aufgebaut. Es ist ein herrliches Flair mit dem vielen Wasser, der Burg, den für Litauen typischen Straßenzügen mit den bunten Holzhäusern und das alles bei strahlendem Sonnenschein.

Auf dem Rückweg finden wir erstaunlich gut wieder zurück zum Hotel, machen abends einen  Bummel durch die wunderbar restaurierte Altstadt von Vilnius und lassen uns ganz vom Charme dieser  Stadt bezaubern. Vilnius hat über 50 Kirchen im und um das Zentrum und es gibt kaum eine Stelle in der Altstadt, an der man nicht mindestens einen Kirchturm sieht, wenn man sich einmal um seine eigene Achse dreht. Auch die Häuser sind –mitfinanziert durch EU-Gelder- wieder sehr schön hergerichtet und als Universitätsstadt wirkt Vilnius belebt und modern. Ungefähr in der selben Ecke wie am Vortag suchen wir uns ein Lokal zum Essen und entscheiden uns für einen gemütlichen Biergarten im Hinterhof. Erst später merken wir, dass der zum selben Lokal gehört, in dem wir am Vortag gegessen haben – aber es hätte uns ja schlimmer treffen können! Jürgen bekommt so sein lange ersehntes Eisbein und auch wir anderen essen uns die Bäuche satt.

21.7.06 Vilnius – Ergli ca. 350 km

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen wir Vilnius in Richtung Lettland, nicht ohne nach ca. 25 Kilometern einen Abstecher zum geographischen Mittelpunkt Europas zu machen. Dem einzig wahren natürlich, denn diesen Titel beanspruchen auch noch andere Orte. Während die Ostgrenze mit dem Ural klar definiert ist, kommt es bei der Westgrenze darauf an, welche Inseln man da noch mit zu Europa zählt. Der Mittelpunkt bei Vilnius ist relativ schlicht gehalten mit einem Stein, einer Säule und einem kleinen Park drumherum.

Auf unserem weiteren Weg verändert sich die Landschaft nur wenig, aber über die Grenze gekommen, haben wir den Eindruck, dass Lettland ärmer ist als Litauen. Man sieht mehr verfallene Häuser und selbst die Haupt-verkehrsstraßen sind nicht unbedingt asphaltiert, wie wir noch schmerzlich feststellen werden. Also ab auf die Schotterpiste! Nach unseren ersten Versuchen in Polen haben wir uns ja darauf gefreut und müssen relativ schnell feststellen, dass Schotter nicht gleich Schotter ist. Die Schotterpisten hier haben nicht nur rüttelnde kleine Querrillen sondern auch zum Teil tiefe Spurrillen von den LKWs und eine ca. 20 cm dicke Staubschicht mit Kies. Fahren können wir mit unseren voll beladenen Dickschiffen mehr schlecht als recht nur auf den etwas festgefahrenen schmalen Fahrspuren. Die PKWs und LKWs fahren hier ohne Rücksicht auf Verluste und wir müssen immer wieder auf den Rand mit der tiefen Sandschicht ausweichen. Nur nicht bremsen! Wir kämpfen mit der Physik, unseren schweren Motorrädern und unserem inneren Schweinehund, der teilweise vor Angst mit den Zähnen klappert. So schwer hatten wir uns das nicht vorgestellt! Die Straße ist in den kleinen Dörfern an der Strecke immer asphaltiert, was für uns für ein paar hundert Meter Erholung pur bedeutet! Fast jeder von uns hat irgendwann mal eine brenzlige Situation, und es ist oft nur Glück, dass keiner von uns sein Motorrad in den Sand legt. Irgendwann sind wir so weit, dass nicht nur wir Frauen ungefragt rauchen dürfen („ihr braucht doch bestimmt mal wieder eine Zigarette…?“), sondern wir auch einstimmig beschließen, lieber einen größeren Umweg in Kauf zu nehmen, als noch weiter auf diesem Schotter zu fahren! Wir sind verschwitzt und staubig und völlig ausgepowert.

 In Ergli angekommen beschleicht mich erst einmal ein mulmiges Gefühl – hier soll ein Hotel sein? Wenn man die halb verfallenen Häuser am Straßenrand so ansieht, wundert man sich schon, dass hier überhaupt jemand wohnt! Aber es gibt einen kleinen Einkaufsmarkt und eine Tankstelle und an beiden scheint Betrieb zu sein. Um die Ecke dann auf einmal ein großes neues Haus mit einer bestuhlten Terrasse – das muss das Hotel sein! Wie ein Fremdkörper steht es hier inmitten all der verfallenen Häuser, aber es wirkt einladend und wir haben nach diesem Tag nur einen Gedanken: ein schönes kühles Bier und danach eine Dusche!

Nachdem wir diese Punkte auf der Liste abgehakt haben, gibt es erst einmal etwas zu essen und wie bisher immer in diesem Urlaub fahren wir mit dem einheimischen Essen sehr gut.

22.7.06 Ergli – Pöltsamaa 380 km

Nach einem ausgiebigen uns gesunden Frühstück geht es auf in Richtung Estland. Wir fahren nach unserer Schottererfahrung vom Vortag auf einer weiteren Route als ursprünglich geplant unter konsequenter Vermeidung von Schotterstraßen. Wir kommen im dünn besiedelten Lettland gut voran und die Landschaft wird immer nordischer mit Birken, Nadelwäldern und Mooren. Dazwischen sind immer wieder saftige Wiesen und Lichtungen mit leuchtend rosa Blumenteppichen. Andi und Manu wären fast als die ersten Motorradfahrer in die Geschichte eingegangen, die einem startenden Storch zum Opfer fielen. An der Grenze zu Estland die bisher schärfste Kontrolle, wir mussten sogar der mürrisch dreinblickenden Grenzerin unsere Fahrzeugpapiere zeigen!

Estland macht auf uns einen deutlich fortschrittlicheren Eindruck, alles wirkt nicht mehr so ärmlich wie in Lettland – die Häuser, die Autos und auch die Menschen. Auch die Straßen sind jetzt wieder mehr asphaltiert. Ein weiterer Unterschied ist die Sprache, sie unterscheidet sich komplett von dem untereinander ähnlichen Lettisch und Litauisch. Vielmehr merkt man auch ihr den starken finnischen Einfluss an. So ist zum Beispiel die Polizei nicht mehr Policija sondern die Politsei, es gibt ein Staadion und ein Gümnaasium.

23.7.06 Pöltsamaa – Pöltsamaa ca. 390 km

Wir haben zwei Übernachtungen in Pöltsamaa geplant und nutzen den Tag, um Estland zu erkunden. Die erste Etappe unserer Tour führt uns an den Peipussee, dem fünftgrößten See Europas. Er ist ungefähr achtmal so groß wie der Bodensee, aber durchschnittlich nur 8 Meter tief. Er bildet fast die gesamte Ostgrenze Estlands zu Russland. Wir sitzen eine Weile am herrlichen und weitläufigen schilfbewachsenen Sandstrand und es ist gut nachvollziehbar, warum der See ein beliebter Badesee ist - auch wenn wir heute keine Badenden sehen. Danach wollen wir eigentlich am See entlang nach Norden bis zur russischen Grenze fahren. Eine riesige Umleitung, die uns ca. 40 km über Schotterstrecken führen würde, zwingt uns dann aber zum Umplanen und wir nehmen uns doch noch den finnischen Meerbusen vor.

Bei Saka erreichen wir dann den nördlichsten Punkt unserer Reise. Hier gibt es eine wunderschöne Steilküste am finnischen Meerbusen (wir Irländer fühlen uns an die „Cliffs of Moher“ erinnert). Nach einer kleinen Stärkung im „Saka Cliff Hotel Spa“ geht es im Tiefflug durch die wunderschöne Landschaft und die langsam sinkende Sonne verzaubert die Landschaft mit einem faszinierenden Licht. Wir alle genießen diese Fahrt sehr!

24.7.06 Pöltsamaa – Skultes Muiza ca. 260 km

Auf Landstraßen fahren wir in Richtung Ostsee (Pärnu). Unterwegs kommen wir durch eine kleine Ortschaft an einer idyllischen Flusslandschaft. Dominiert wird das ganze durch die Kirche im typischen Baustil aus Stein an der Brücke. Davor das Denkmal eines Drachentöters aus Stein. Die ganze Szene hat etwas schaurig-schönes, so dass wir spontan anhalten und uns etwas umsehen. In Pärnu (mit 59.000 Einwohnern die 5.-größte Stadt Estlands) wollen wir den angeblich für diese Stadt typischen Mittelmeerflair genießen und suchen nach einem netten Strandcafe, von dem aus wir unsere voll bepackten Motorräder im Auge behalten können. So, wie wir uns das vorstellen, funktioniert das aber im Baltikum (noch?) nicht und wir machen in einer Pizzeria in Strandnähe eine kleine Pause.

Wir fahren weiter in Richtung Lettland und sind schneller als erwartet an der Grenze. Von dort geht es auf der „Via Baltica“ immer parallel zum Meer, wobei man aber nur selten vom Meer auch etwas sieht. Dieser Teil Lettlands wirkt nicht ganz so ärmlich, es gibt mehr renovierte Häuser, Hotels und Bars. Mit Unterstützung der EU wird hier auch viel an der Infrastruktur gearbeitet – zu unserem Leidwesen, auf der Via Baltica reiht sich eine Baustelle an die andere, jede mit Ampelregelung und wir kommen nur zäh voran.

Alle freuen wir uns nun auf ein kühles Bier und etwas zu essen. An der Abzweigung nach Skultes Muiza der erste Schreck: Schotter! Aber nach den uns vorliegenden Informationen soll das Haus ja nur 600 m von der Hauptstraße entfernt sein – das sollte wohl auch erschöpft und mit Bierdurst und Hunger zu schaffen sein. Nach ca. 1 km ist immer noch weit und breit kein Haus zu sehen – ob wir hier wohl wirklich richtig sind? Bevor wir  womöglich umsonst auf dem Schotter herumeiern, schicken wir Marcus und Guido wieder zurück zur Tankstelle an der Hauptstraße um nach dem Weg zu fragen – wegen mangelnder Sprachkenntnisse kein leichtes Unterfangen, aber wie so oft kann man sich mit Händen und Füßen verständigen. Vermutlich (!) sei das wohl ein Haus nach ca. 5 km an der Schotterpiste. Also schicken wir Marcus erst mal vor um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu testen – nach unseren bisherigen Erlebnissen sind wir misstrauisch geworden. Nach bangem Warten am Straßenrand, wo man von jedem vorbeifahrenden Auto gnadenlos eingestaubt wird, kommt unser Vorbote mit der Info zurück, dass unsere gesuchte Pension tatsächlich von hier aus in etwas mehr als 4 km Entfernung liegt – aus den 600 Metern wurden fast 6000!

Nachdem wir uns dann alle heil über den Schotter gekämpft haben, war es höchste Zeit für ein Bier – der Tradition folgend wollen wir uns im (in der Buchung angekündigten) Restaurant das erste Bier gönnen. Nur – von einem Restaurant oder wenigstens einer kleinen Bar will hier auf einmal keiner mehr was wissen und Bier haben sie nicht. Zum essen gibt’s auch nix… Das saß! Im Umkreis von 5 km Schotterstraßen keine Einkaufs- oder gar Einkehrmöglichkeit! Nach zähem Verhandeln mit der Hausverwalterin (auf Russisch – Respekt Andi!) können wir für den heutigen Abend ein Essen rausschlagen, das sie uns für einen kleinen Aufpreis zu kochen bereit ist, und Bier müssen drei tapfere Kundschafter eben vorne an der Tanke holen. Bewaffnet mit Handtüchern, um die Bierflaschen im Topcase vor den Erschütterungen zu schützen, ziehen Marcus, Guido und Andi nochmals tapfer los – die Handtücher sollten sich dann aber als unnötig erweisen – es zeigte sich, dass die lettische Bierindustrie perfekt auf die hiesigen Straßenverhältnisse eingestellt ist und das Bier in 1- und 1,5 Liter PET-Flaschen verkauft. So hatte dann der Tag doch noch ein glückliches Ende auf der großzügigen Terrasse bei einem schönen Bier. Erst jetzt können wir das Anwesen, ein altes Bauerngut, so richtig genießen, denn eigentlich ist es klasse hier! Die Zimmer und anderen Räumlichkeiten sind sehr geschmackvoll rustikal eingerichtet, das Haus ist umgeben von einem großen Gelände, das am Ende der von alten Bäumen bewachsenen Wiese von einem Grillplatz und angelegten Teich, in dem sich ein Storch sein Abendessen sucht, begrenzt wird.


25.7.06 Skultes Muiza ca. 50 km

Nachdem wir mit der Hausverwalterin abgeklärt haben, dass wir am Abend den hauseigenen Grill, die Feuerstelle samt Feuerholz und auch die Küche nutzen dürfen, machen wir uns auf zum nächst größeren Ort Saulkrasti. Dort wollen wir ein wenig faul am Meer sitzen und dann für den Abend einkaufen – alles in allem soll heute also ein gemütlicher Tag werden. Allerdings ist der Himmel wolkenverhangen, es sieht nach Regen aus und wir fragen uns, ob es wirklich eine gute Idee ist, für den Abend ein Outdoorprogramm zu planen. Aber unser Optimismus ist ungebrochen und es wird schon werden. Tatsächlich reißt der Himmel um die Mittagszeit, als wir in einem Café am Meer sitzen, auf und der Nachmittag wird sonnig und heiß! Das genießen wir dann auch, nachdem wir noch alles für einen schönen Grillabend eingekauft haben, gemütlich und faul auf der Terrasse. Den Tag beenden wir mit einem gemütlichen Grillen und Lagerfeuer – wenn man darauf eingestellt ist, ist es nicht schlimm, dass es am Quartier keine Verpflegung gibt, vor allem, wenn man so wie hier, so bereitwillig die Küche mit allem, was darin ist, zur freien Verfügung hat!


26.7.06 Skultes Muiza – Siauliai ca. 300 km

Auf der Via Baltica machen wir uns auf in Richtung Litauen. Man merkt deutlich, dass hier in Küstennähe wesentlich mehr Geld (hauptsächlich durch die EU) in die Modernisierung der Infrastruktur investiert wird – alle paar Kilometer stehen wir erneut an einer Baustelle! Wie wird es hier wohl in 2 – 3 Jahren aussehen? Gelingt es, den ursprünglichen, manchmal auch etwas spröden Charme und die schöne Landschaft zu erhalten oder wird das alles durch rücksichtslosen Massenbilligtourismus zerstört werden? Auf schönen, aber weitgehend unspektakulären Straßen nähern wir uns der litauischen Grenze und geraten unterwegs in den ersten nennenswerten und heftigen Regenguss unserer Tour. Da es nicht kalt ist, verzichte auch ich mit meiner nicht wasserdichten Sommerkleidung auf die Regenüberzieher – bin ja eh schon nass! Bald ist es wieder trocken und wird auch gleich sehr warm und ich bin froh, mich jetzt nicht in einem Treibhauskleinklima unter der Regenkleidung zu befinden. Unsere Fahrt führt uns weiter über die lettisch-litauische Grenze in Richtung Siauliai. Es wechseln sich landschaftlich schöne Abschnitte mit schnurgeraden Überlandpassagen ab und ich bin schon gespannt auf unser nächstes Ziel kurz vor Ende der heutigen Fahrt – dem Berg der Kreuze (http://de.wikipedia.org/wiki/Berg_der_Kreuze). Auf diesem Berg vor den Toren Siauliais haben katholische Wallfahrer aus der ganzen Welt geschätzte 55.000 – 60.000 Kreuze errichtet, ganz zu schweigen von den unzähligen Kreuzanhängern, die überall an den Kreuzen – meist aus Holz- hängen.

Als es nur noch ca. 10 km bis Siauliai sind, werde ich etwas unruhig. Wir müssten doch jetzt dann da sein, aber wo bitteschön ist hier ein Berg?? Wir folgen der Ausschilderung auf einem abzweigenden Sträßchen und sehen auf einmal den „Berg“ mit der Unmenge von Kreuzen! Unter einem „Berg“ verstehen wir eben etwas anderes, aber trotzdem ist dieser Ort auf seine eigene Art sehr beeindruckend. Wir gehen durch die engen Pfade zwischen den Kreuzen und lassen die eigenartige, gedämpfte und andächtige Stimmung auf uns wirken. Hier, auf dem kleinen Parkplatz direkt nebenan sehen wir mit das erste mal auf unserer Tour Souvenirstände und Reisebusse. Als wir gerade schon wieder weiter möchten, fahren drei Motorräder auf den Parkplatz – Österreicher! Da hier Motorradtouristen wirklich selten sind, unterhalten wir uns gleich angeregt. Die drei sind am Anfang ihrer Tour und müssen schon etwas schlucken, als sie vom Zustand der Straßen in Lettland hören. Ehrlich gesagt, frage ich mich heute noch, ob der Junge mit seiner VFR wieder heile zu Hause angekommen ist….

In Siauliai finden wir relativ schnell unser Hotel, wo auf unsere Motorräder eine Luxusgarage wartet – wir dürfen sie über Nacht in den Konferenzsaal stellen, von wo aus es einen direkten Zugang zur Straße gibt! Donnerwetter, eine holzgetäfelte und mit Parkett ausgelegte Garage – endlich einmal ein standesgemäßes Nachtquartier für unsere edlen Tiere..!

Nach dem obligatorischen Begrüßungsbier und einem kleinen Snack schauen wir uns abends noch etwas in Siauliai um – eine nette, aber unaufgeregte Stadt – aber wir essen gut und gemütlich und lassen auch diesen Tag wieder gemeinsam bei ein paar Bier ausklingen.

27.7.06 Siaulai –Kruklanki ca. 380 km

Nur unwillig verlassen unsere Motorräder ihr Nobelherberge, aber das Versprechen, bald auf bekannten polnischen Straßen zu sein, lockt sie dann doch noch vom Parkett. Das Ziel unseres heutigen Tages ist nämlich wieder das uns bereits bekannte Hotel in Kruklanki, Masuren. Auch wir freuen uns bereits auf die Straßen und die Landschaft dort und sind uns einig, dass wir die letzten Kilometer über Schotter fahren wollen.

In Litauen sind die Straßen in dieser Gegend wirklich schnurgerade und langweilig, es geht nur darum, Kilometer zu machen. Aber wir wissen ja, dass das bald anders wird und ich freue mich auf die herrliche masurische Landschaft. An der litauisch-polnischen Grenze können wir die uns noch fehlenden Aufkleber (sogar den von Estland!) ergattern und rollen unserem Tagesziel entgegen.

Nach und nach verändert sich die Gegend dann auch wieder, die vertrauten Hügel und Alleen stellen sich langsam wieder ein und auch Seen gibt es jetzt wieder mehr. Pause machen wir auf dem Marktplatz einer Kleinstadt irgendwo in Polen – allein der Belag mit faust – bis kindskopfgroßen Pflastersteinen machen diesen Ort zu einer interessanten Herausforderung. Wir kaufen uns eine Kleinigkeit in einem der zahlreichen „Skleps“, die rund um den Platz sind, (wer soll denn da alles einkaufen?) und lassen die ruhige Stimmung dieses Ortes auf uns wirken.

Unser erstes Ziel ist Wierzbowo, um dort einige Bilder zu machen – darum wurden wir von einem Tigerfahrer gebeten, dessen Großmutter aus diesem Dorf kommt. Für uns ist es ein schönes Erlebnis, hier scheint wirklich die Zeit still zu stehen. Und auch bei dieser kleinen Ansammlung von Häusern ist ein bunt geschmücktes Wegekreuz zu finden! Nach der Fotosession machen wir uns auf die letzte Etappe Richtung Kruklanki über kleine, kleinste und Schotterstraßen. Obwohl wir hier erst vor einer Woche waren, überwältigt uns die Landschaft sofort wieder – es ist einfach so schön hier! Die Schotterstraßen im Wald sind vom Untergrund her wesentlich einfacher zu fahren als die Überlandstrecke in Lettland, dafür macht uns aber, da wir in westliche Richtung fahren, die tiefstehende Sonne heftig zu schaffen – Schlaglöcher und Sandmulden erkennt man so meist erst, wenn es schon zu spät ist – es ist also auf jeden Fall volle Konzentration gefordert, und das nach einem bereits anstrengenden Tag auf dem Motorrad!

Wir erreichen das uns bereits bekannte Hotel und beziehen die Zimmer – leider nicht mehr mit Balkon, aber auch schön und gemütlich, teilweise sogar mit Sauna, die man aber bei den Temperaturen nun wirklich nicht braucht. Nach dem Essen klingt der Abend dann mit dem Standardprogramm aus. Wir müssen schon schlucken – ist es wirklich schon über eine Woche her, dass wir hier waren, fast noch den ganzen Urlaub vor uns?? Treten wir morgen tatsächlich bereits die letzte Etappe unseres Urlaubs an?? Unglaublich, aber das hat ja Urlaub so an sich, er geht immer viel zu schnell vorbei!

28.7.06 Kruklanki – Karwia ca. 400 km

Wir wissen, dass wir ein großes Stück bis an die polnische Ostseeküste vor uns haben, deshalb verzichten wir darauf, die ganz kleinen Straßen zu fahren. Aber auch auf den etwas größeren macht es einfach Spaß, die Masuren sind auch so ein Hochgenuss.

Wieder verändert sich die Landschaft schleichend. Es gibt weniger Hügel, Seen und Alleen, die Landschaft ist flach, die Straße gerade und alles wirkt etwas eintönig. Unser Weg führt uns in Richtung Gdansk (Danzig), das wir dann aber weiträumig umfahren wollen. Unterwegs, als unsere Mägen sich mit einem dezenten Hungergefühl zu Wort melden, machen wir Halt an einer Raststätte, die von außen recht gemütlich aussieht. Man ist hier an der Hauptverkehrsstraße auf LKW-Fahrer und Reisende eingestellt. Die Auswahl ist nicht so riesig – Salat, Suppe, Schaschlik und Fisch – aber das macht nichts, es ist für jeden von uns etwas dabei. Wir bestellen und warten mal ab. Dann der Schock, als wir auf die Teller schauen, die an die Tische um uns herum serviert werden: Das sind Riesenportionen, selbst mit einem Bärenhunger für normale Menschen fast nicht zu schaffen!!!

Und tatsächlich, auch zu uns kommen dann diese Riesenteller, und nur die wirklich guten Esser schaffen ihre Portion ganz – dabei schmeckt es wirklich sehr gut. Den Grund für die großen Portionen erfahren wir dann beim zahlen – es wird nach Gewicht abgerechnet! Ehrlich, so ein bisschen abgezockt haben wir uns da schon gefühlt, aber wir können trotzdem über uns und diese Episode lachen und machen uns frisch gestärkt auf in Richtung Ostsee.

Nach einigen Schwierigkeiten, die richtigen Wege zu finden erreichen wir dann ziemlich spät und entnervt Karwia, unser Tagesziel – dort haben wir eine Pension „direkt an der Strandpromenade“. Und was das in Karwia heißt, haben wir schnell erfahren. Im ersten Moment, als wir nach einer längeren, einsamen Überlandstrecke in den Ort fahren, denken wir, da ist ein Volksfest. Oder eine Demonstration? Aber nein, was uns hier erwartet, ist der ganz normale Wahnsinn eines Massentouristenortes! Überall Leute, meist in Badekleidung, eine Pizza- oder Dönerbude an der anderen, zwischendrin Stände mit Billig-T-shirts und Badetieren, von überall her tönt eine andere „Musik“ – nach Tagen in der Abgeschiedenheit und Weite der Masuren und des Baltikums ist das ein Kontrastprogramm und Kulturschock für uns, wie es nicht heftiger sein könnte! Es benötigt einiges Nachfragen, bis wir dann bei unserer Pension ankommen – auch hier steht neben dem Hauptgebäude ein Partyzelt mit Ausschank und einem schlechten Alleinunterhalter. Marcus und ich sind froh, dass wir hier nur eine Nacht bleiben, während unsere Mitfahrer zwei Nächte gebucht haben. Die Zimmer liegen auf der der Straße abgewandten Seite und es macht den Anschein, als ob hier ein schneller Anbau an das bestehende Gebäude gemacht wurde. Die Zimmer sind zweckmäßig und sauber aber ohne jeden Charme. Trotzdem beschließen wir, uns nicht die Laune verderben zu lassen, trinken traditionsgemäß ein erstes Bier, um uns dann umzuziehen. Danach essen wir in der Pension, und ehrlich: Wider Erwarten schmecken die typisch kasubischen Gerichte, die wir hier serviert bekommen, ausgezeichnet! Es zieht uns nichts in den Ort und so decken wir uns an Ort und Stelle mit Bier ein und stapfen los an den Strand, um dort unseren letzten gemeinsamen Abend zu verbringen. Also ab über die Straße, einen ca. 70 – 80 Meter breiten Waldstreifen durchquert und wir stehen an der Küste – wow, hier ist alles ruhig und friedlich, kaum zu glauben, was nur ein paar Meter entfernt los ist! Ein breiter Sandstrand führt zum Meer und wir machen es uns im weichen Sand gemütlich – ein versöhnlicher und schöner Tages- und Urlaubsausklang.


29.7.06 Karwia – Burg/Spreewald ca. 600 km Gruppe 1

Für Marcus und mich heißt es heute Abschied nehmen – was nach diesen schönen Tagen wirklich schwer fällt. Aber angesichts der großen Etappe, die vor uns liegt, halten wir uns nicht länger auf als nötig und fahren los in Richtung Deutschland. Schließlich müssen wir die gesamte Strecke auf Landstraßen fahren. Unserer Stimmung entsprechend müssen wir schon bald das erste Mal stoppen, um uns die Regenkleidung überzuziehen. Obwohl wir nirgendwo richtig im Stau stehen, geht alles nur schleppend voran und im trüben Regengrau können wir der durchaus schönen Landschaft auch nicht wirklich viel abgewinnen. Wir hangeln uns von Tankpause zu Tankpause und verlassen in Kostrzyn dann Polen – Deutschland hat uns wieder! Wie sehr, das bekommen wir nach ca. 30 Kilometern dann gleich richtig zu spüren. Bereits ziemlich ausgepowert von der langen Fahrt haben wir nur noch einen Wunsch – Ankommen am Etappenziel Burg, ein Bier und etwas zu essen, und das bitte ohne Gewitter, die hier um uns herum in der Luft liegen! Wir fahren über die endlosen Alleen Brandenburgs, als plötzlich ein Mann mit einer gelben Warnweste und einer Kelle in der Hand auf die Straße springt – Oh nein, auch das noch! Klar, ich war zu schnell, bei diesen gut übersichtlichen Straßen hab ich mich einfach geweigert, die erlaubten 80 km/h zu fahren – jetzt kommt eben die Quittung – wir wurden gelasert, aber Marcus hat Glück, dass er hinter mir war, ihm können die Polizisten nichts anhaben. Ich dagegen bekomme, weil ich 21 km/h (!) zu schnell war, eine Anzeige und werde doch tatsächlich von der ansonsten freundlichen Polizistin gefragt, ob man uns nicht gesagt hätte, dass die Polizei in Brandenburg den Verkehr sehr intensiv mit Laser überwacht?? Nein, aber jetzt wissen wir es ja auch so…. Ob wir es dieser ungeplanten Verzögerung zu verdanken haben, dass wir auf den letzten Kilometern dann noch so richtig heftig nass werden, werden wir wohl nie erfahren. Auf jeden Fall kommen wir ziemlich nass, erschöpft und hungrig in Burg an und machen uns mit Sybille und Jonas noch einen schönen, gemütlichen Abend. Am nächsten Tag  machen wir die letzte Etappe bei ständig drohenden Gewittern auf der Autobahn und kommen trocken aber erschöpft zu Hause an

29.07.06 Karwia Gruppe 2 (Bericht von Andi)

Bei der Verabschiedung von Daggi und Marcus  kam erst mal etwas Wehmut auf. Ich hätte nicht gedacht, wie vierzehn Tage gemeinsamer Urlaub Erwachsene Menschen “zusammenschweißen” können. Auch das Wetter hat sich unserer Stimmung angepasst: Es fiel der erste nennenswerte Regen unseres Urlaubs. Das hatte andererseits auch was Gutes: Es war nicht das typische Strandwetter und deshalb blieb die Bade-Touristeninvasion aus. Vorerst!

Wir hatten beschlossen, die Mopeds heute mal stehen zu lassen und haben einen ausgiebigen Strandspaziergang unternommen. Der Regen hat uns dabei nicht viel ausgemacht, schließlich sind wir harte Biker, außerdem ließ er bald nach. Auf der Suche nach einem geeigneten Restaurant mussten wir dann zwangsläufig zurück ins Urlaubergewühle und haben uns dann in unsere Pension schubsen lassen. Manu hat ein Nickerchen gemacht und wir Männer haben bei einem Bierchen den Nachmittag verplaudert. So versickerte der Urlaubstag im Ostseesand und wir gingen nicht allzu spät ins Bett.

30.07.06 Karwia – Gorzow Wielkopolski ca. 450 km

Mit dem lauen Gefühl des zur Neige gehenden Urlaubs bestiegen wir gegen 9.30 Uhr unsere Tiger. Zumindest das Wetter meinte es wieder gut mit uns. Wir fuhren die Fernstraße Nr. 6 Richtung Szczecin (Stettin), die wir in Slawno verließen um diagonal unsere letzte Etappe Gorzow Wielkopolski anzusteuern. Wir fuhren dabei auf kleinen Straßen durch die Pommersche Seenplatte, ein Gebiet das uns sehr an Masuren erinnerte. Es war vielleicht sogar noch einen Tick bergiger - ansonsten wie in Ostpolen: Wälder, Wiesen, kleine Seen, kaum Industrie, mehr Landwirtschaft und - Störche. Nach ca. 450 km kamen wir schließlich in G.W. gegen Abend an und ich gönnte meinen Mitstreitern noch eine Stadtrundfahrt. Auf gut deutsch: Ich hab mich im Stadtgewimmel wieder mal total verfranzt. Oh wie ich große Städte liebe ...

Das Hotel war offenbar das ehemalige Freudenhaus der Stadt. An der Fassade konnte man noch die Reste der Aufschrift “Nightclub” lesen und Restaurant und Foyer waren eindeutig zweideutig dekoriert. Die Räume sollten offenbar das Halbwelt-Millieu der Zwanziger Jahre ausstrahlen, zumindest das Mobiliar passte einigermaßen dazu. Im totalen Kontrast dazu standen aller paar Meter Ventilatoren, die die stickigen Räume erträglich machten. Stilbruch paarte sich mit Geschmacklosigkeit. Von den ehemaligen “Beschäftigten” des Etablissements war nichts zu sehen. Vielleicht deren Großmütter als Bedienung und Rezeptionspersonal. Die sahen aber genau so abgewohnt aus wie das ganze Hotel. Macht nix. Wir haben auf der Dachterrasse bei einem Bierchen den Blick über die Stadt genossen und innerlich den Urlaub abgehakt.

31.07.2006 Gorzow Wielkopolski Deutschland

7.oo Uhr war Frühstück. 8.oo Uhr Start. Von nun ab fuhr jeder für sich. Guido wollte Brülli in Guben noch einen Besuch abstatten, Jürgen auf dem kürzesten Weg Bautzen entgegensteuern und Manu und ich suchten die Autobahn. Jetzt nur schnell nach Hause. Ich wurde schon auf Arbeit erwartet. Komisch. Obwohl wir alle getrennt in G.W. gestartet und getrennte Wege gefahren sind, am Grenzübergang in Kostrzyn standen wir alle wieder zusammen im Konvoi. Nennt man das Herdentrieb oder Bestimmung?

Zurück auf deutschem Boden war aber dann endlich Schluss mit lustig. So "klangvolle" Namen wie A13, A4 und A14 brachten Manns Richtung Döbeln. Finito! Konez! Aus! Vorbei! Der Alltag hatte uns wieder.

Weitere Infos zu dieser Tour auf Seite 2.